„Ich kann mir manches von der Seele reden“

 
Mir geht es nicht so gut. Ich bin vor eineinhalb Jahren Witwe geworden und war während Corona in tiefster Trauer. Das war eine bittere Erfahrung. Ich hatte nur wenig Kontakte per Telefon und fühlte mich sehr einsam. Mit meinem Hund wohne ich alleine in meinem leeren, großen Haus, das mich wie eine dunkle Wolke umschließt. Ich war 50 Jahre verheiratet und vermisse meinen Mann sehr. Mein Leben hat sich von einer Sekunde auf die nächste total verändert, einige Freunde haben sich zurückgezogen, vielleicht, weil sie meine Trauer nicht ertragen konnten? Ich habe nur noch zwei gute Freundinnen und meine Tochter, die in einer anderen Stadt lebt. Außerdem werde ich geduldig und liebevoll von meiner Ärztin betreut.

Irgendwann, als ich mal wieder nicht schlafen konnte, habe ich im NDR eine Talkshow mit Michaela May gesehen und so von der Telefonengel-Aktion von Retla e.V. erfahren. Mitten in der Nacht habe ich mir die Telefonnummer aufgeschrieben und mich am nächsten Tag gleich gemeldet. Jetzt habe ich drei Gesprächspartnerinnen, mit denen ich regelmäßig telefoniere und das tut mir unglaublich gut. Eine junge Dame legt mir ab und zu Kuchen vor die Tür und wir gehen miteinander spazieren.

Der Altersunterschied ist überhaupt kein Problem, es haben sich nette Kontakte auch mit jungen Leuten ergeben. Die Gespräche unterbrechen die Einsamkeit, ich kann mir manches von der Seele reden. Je öfter man telefoniert, desto mehr öffnet man sich und desto mehr erzählt man sich. Das sind menschliche Kontakte, die in diesen Zeiten so wichtig und so selten sind.

H. U. (76),
Seniorin

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