Margret Klöppel
Wiese - Moodimage

"Wir versuchen oft, eine andere Perspektive einzunehmen"

 
Der Senior, mit dem ich telefoniere, ist generell einsam, weniger wegen Corona. Er lebt alleine in einem großen Haus mit Garten und kann sich zwar mit der Familie unterhalten, aber die reagieren oft gereizt, wenn er immer wieder mit den gleichen Themen ankommt. Der Blick von außen tut ihm gut, wir besprechen Dinge quer durch alle seine Lebensbereiche. Er ist weltoffen und auch politisch eher in meine Richtung. Die Gespräche sind interessant, wir sprudeln nicht gleich los, sondern denken erstmal nach und überlegen oft, einen anderen Weg zu gehen oder eine andere Perspektive einzunehmen. Wir sind im selben Alter, da fällt oft der Satz: „Ach, das kenne ich auch!“

Wir telefonieren alle zwei bis drei Wochen, ich rufe ihn immer an, das ist für beide in Ordnung. Mir ist eine gewisse Anonymität wichtig, eine Telefonpartnerschaft oder -freundschaft strebe ich nicht an. Trotzdem hat sich eine Vertrautheit eingestellt, anders wie bei der Telefonseelsorge, wo ich seit 14 Jahren tätig bin. Weil ich das nur im Büro machen kann und ich wegen meines Alters zur Risikogruppe zähle, lege ich dort derzeit eine Pause ein und habe mich bei Retla e.V. gemeldet. Ich kann mich bei der Aktion Telefonengel gut einbringen, weil ich von meiner langjährigen Erfahrung profitiere und geübt bin, die richtigen Fragen zu stellen.

Ein Telefonengel sollte empathisch zuhören können, ohne den Drang sich selbst ständig einzubringen. Das ist nicht so leicht. Man muss sich hintenanstellen können. Außerdem sollte man Offenheit, Menschenkenntnis und Geduld mitbringen, ebenso bereit für viele Gesprächsthemen sein und nicht gleich abblocken, weil es einen womöglich nicht interessiert. Dazu gehört auch eine Entschiedenheit, die Gespräche zu beenden.

Das habe ich jetzt übrigens getan. Inzwischen hatte ich ein Telefonat mit meinem Partner und wir waren beide der Meinung, dass wir den Kontakt im Moment ruhen lassen. Es geht ihm gut, er hat in der Kur neue Blickwinkel und neue Kontakte bekommen.

Gesprächspartnerin: Margret Klöppel, 74 J., ehemalige Lehrerin, München

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